Ab' / Haab - 365 Tage

Der Ab’ (in der Sprache der Quiché-Maya in Guatemala) beziehungsweise Haab (in der Sprache der Yucatec-Maya in Mexico) ist ein Sonnenkalender, der vor allem dazu diente, das landwirtschaftliche Jahr zu beschreiben und Buchhaltung und andere wirtschaftliche Tätigkeiten im Auge zu behalten. Auch das Abhalten von Festen, die ja oft in Zusammenhang mit der Landwirtschaft gefeiert wurden, regelte der Ab’. Er ist derjenige Kalender, der am meisten unserem gregorianischen Kalender entspricht, er rechnet das Sonnenjahr mit 365 Tagen. Da die Maya den Ab’ nicht mit Schalttagen ergänzten, und dadurch jedes Jahr rund einen Viertel-Tag zu kurz ist, wird er in der Mayanistik auch als "vague year", also ungenaues, vages Jahr, bezeichnet.

Aber die Maya waren sich durchaus bewusst, dass das Jahr länger als 365 Tage dauert. Inschriften im Kreuztempel von Palenque belegen, dass sie errechneten, dass 1507 tropische Jahre (550420 Tage) 1508 Ab’ entsprechen. Dies ergibt eine Jahreszahl von 365.2420, was einen Fehler von -0.0002 bedeutet. Zum Vergleich: unser moderner Kalender mit seiner Schaltjahrregelung weist einen Fehler von +0.0003 auf. Das heisst, die Maya kannten die tatsächliche Länge des Sonnenjahres genauer als sie in unserem gregorianischen Kalender bemessen wird. Es ist möglich, dass in gewissen Epochen der Maya-Kultur Schaltzeiten eingefügt wurden, und auch heute wird in einigen Maya-Gemeinden wieder darüber diskutiert (s. hierzu den Artikel Der Grosse Wayeb von Kenneth Johnson). 

Durch das Fehlen eines 4-jährlichen Schalttages rutscht der Beginn des Ab' alle vier Jahre um einen Tag zurück. In der heutigen Zeit fiel in Mexico, Belize, Honduras und im nördlichen Tiefland von Guatemala der erste Tag des Ab' in den Jahren 2004-2207 auf den 4. April, von 2008-2011 auf den 3. April, von 2012-2015 aud den 2. April etc. Im Hochland von Guatemala ist dies anders: der Beginn liegt 40 Tage früher, 2015 ist er am 21. Februar. Warum dies in diesen beiden Gegenden verschieden ist? Der Ab' / Haab ist heute kaum mehr in Gebrauch, und so ist man sich über die Korrelation mit unserem gregorianischen Kalender nicht mehr ganz sicher. Es gibt aber Bestrebungen, den Ab'-Kalender wieder aufzuwerten und in den Alltag einzubeziehen.

Das Ab’-Jahr wird in 18 Monate à 20 Tage eingeteilt und von einem 19. Kurz-Monat mit 5 Tagen beendet (18 x 20 = 360, + 5 = 365).  Die 20-tägigen Monate nennen die Maya Uinal, dann folgt der Kurz-Monat Wayeb. Die Tage des Ab’ werden – wie auch im Cholq’ij- / Tzolk’in-Kalender – mit einer Zahl+Glyphe-Kombination angegeben. Die Zählung der 20 Tage des Monats geht aber nicht von 1 bis 20, sondern von 0 bis 19. Der erste Tag eines Monats wurde jedoch in der Glyphenschrift nicht mit einer der sonst für die 0 üblichen Glyphen gezeichnet, sondern mit der Glyphe für eine Sitz-Matte (wie sie die Könige verwendeten), denn die Gottheit, die den jeweiligen Monat regiert, nimmt an diesem ersten Tag Platz und regiert dann die weiteren 19 Tage hindurch.

Die Zählung der Tage im Ab' geht also von 0 Pop - 19 Pop, dann von 0 Wo - 19 Wo etc., und am Schluss von 0 Wayeb - 4 Wayeb.

Der Ab’-Kalender wurde immer nur in Kombination mit dem Cholq’ij-Kalender verwendet, es gibt also keine Datumangaben, die nur das Ab’-Datum verzeichnet hätten. Die Kombination von Ab’ und Cholq’ij ergibt die 52-jährige Kalenderrunde.

Heute werden Touristen in den archäologischen Stätten (z. B. in Palenque) gern Anhänger mit dem Ab’-Monat, in dem die Betreffenden geboren wurden, angeboten. Dies kann den Anschein erwecken, als hätte der Geburtsmonat einen Einfluss auf das Lebensschicksal des Betreffenden, vergleichbar mit unseren Tierkreiszeichen. Diese Lebensprägung ist jedoch nicht die Aufgabe des Ab’-, sondern die des Cholq’ij-Kalenders.

 

Die 19 Uinales des Ab' / Haab

 

1. Der Name rechts von der Glyphe: Name, wie er zur Zeit der Eroberung durch die Spanier im 16. Jh. genannt wurde, jedoch in leicht verändeter, neuer Schreibweise.

2. Der Name in Anführungsstrichen "…" ist eine wörtliche Lesung der Glyphe und = die Übersetzung davon.

3. Weitere Bezeichnungen, in Klammern gesetzt (...), kommen teilweise daher, dass die Maya für einzelne Monate verschiedene Glyphen verwendet haben, die ich hier nicht wiedergegeben habe - und ausserdem habe ich viele Quellen benützt.

 

     

Pop
"K'an Jalab" = Matte. Diesem ersten Monat waren Fasten und Abstinenz vorausgegangen (im 19. Monat Wayeb). Das Jahr wurde mit einer Neujahrszeremonie begrüsst, bei der Geschenke gemacht und getrunken wurrde. Auch ein Symbol für die Gemeinschaft und für Hochzeit. 

Wo
"Ik'at" = Frosch. Schamanen brachten Itzamna, dem Gott der Magie und Patron der Priester, Opfer dar. Es wurden Vorhersagen für dieses Jahr gemacht, und einzelnen Priestern wurden die Verpflichtungen für das Jahr übertragen.

Sip
"Chak'at" = Hirsch. (Rot). In diesem Monat wurde vor allem der Gott der Jagd, Ek Zip, verehrt. Jäger und Fischer segneten ihre Waffen und Geräte und führten Blutlass-Zeremonien* durch.

Sotz'
Sutz' = Fledermaus. Eventuell wurde die Fledermaus als Symbol für den Beginn des dunkelsten Monats des Jahres im Herbst gesehen. Im Monat Sotz’ bereiteten sich die Imker durch Fasten auf die Aktivitäten des kommenden Monats vor.

Sek
"Kasew" = Schädel. (Biene; Busse/Sühne; Tod.) In diesem Monat wurde ein Fest der Bienen abgehalten. Man brachte den vier Regengöttern Chaac Gaben dar und den Rand der dargebotenen Platten bestrich man mit Honig. Die Imker teilten ihren Honig mit der Gemeinschaft.

Xul
"Chikin" = Ende. (Hund.) In diesem Monat feierte man das Fest Chicc-kaban, das der Gottheit Kukulkaan (Gefiederte Schlange) gewidmet war. Es fanden Prozessionen zu den wichtigsten Tempeln der Gemeinde statt, wo man Opfergaben darbrachte und viel räucherte. Diese Prozessionen wurden von Komödiantengruppen begleitet. Den ganzen Monat hindurch zogen die Komödianten in der Umgebung umher, unterhielten die Menschen mit ihren Künsten und brachten deren Opfergaben zu den Tempeln zurück. Man sagte, am Ende des Monats werde Kukulkaan von den Himmeln herabsteigen und die Opfergaben einsammeln.

Yaxk'in
"Yak K'in" = neue, grüne Sonne. (Yax oder Yak gibt die ganze Farbpalette zwischen Blau und Grün an und bedeutet gleichzeitig "neu".) Im Monat Yaxk’in bereitete man sich auf die Festivitäten des nächsten Monats Mol vor. Instrumente wurden geölt und viele Dinge mit blauer Farbe angemalt. Allen Kindern klopfte man neunmal auf die Fingerknöchel, damit sie einmal so begabte Handwerker würden wie ihre Eltern.

Mol
"Mol" = einsammeln, ernten. (Büschel; Wasser.) In diesem Monat wurden hölzerne Götterstatuetten hergestellt. Das Holz dazu wurde sehr sorgfältig ausgesucht und die Schnitzarbeiten mit Zeremonien und Blut-Lassen unterstützt. Die Arbeit der Schnitzer dauerte ununterbrochen an, mit Essen und Wasser versorgt wurden die Künstler dabei von ihren Familien. Dies dauerte an, bis die Bildnisse fertiggestellt waren.

Ch'en
"Ik' Sijom" = schwarze Milpa.** (Brunnen/Quelle, Höhle; schwarzer Sturm.) Die Mondgöttin war die Patronin dieses Monats. – Die hölzernen Götterbilder, die im Monat Mol angefertigt worden waren, wurden jetzt zu den einzelnen Schreinen gebracht und mit wertvollen Opfergaben wurden sie „aktiviert“. Die Schnitzer-Künstler ehrte man daraufhin mit Essen und Drinken.

Yak
"Yak Sijom" = grüne Milpa. (grün/blau-grün; grüner Sturm.) Venus war der Patron dieses Monats. – Die Tempel wurden renoviert oder repariert, je nach Bedarf. Mit Zeremonien ehrte man den Regengott Chaac und man betete  für die Maisfelder.

Sak
"Sak Sijom" = weisse Milpa. (weiss; weisser Sturm.) Die Jäger hatten in diesem Monat ihr zweites Fest. Dieses Mal ging es dabei darum, die Götter für das Blutvergiessen der Tiere um Verzeihung zu bitten.

Keh
"Chak Sijom" = rote Milpa. (Hirsch/Wild; rot; roter Sturm.) Über die Aktivitätten in diesem Monat haben wir keine Aufzeichnungen. Ev. wurden Zeremonien zu Ehren des Wildes abgehalten.

Mak
"Mak" = Schildkrötenpanzer. (Decke/Hülle, umhüllen; Schildkröte.) Unter der Leitung der Ältestes der Gemeinde wurden Zeremonien zu Ehren von Chaac und Itzamná abgehalten. Auf den Tempeln wurden Feuer entzündet, in die als Opfergaben die Herzen von Vögeln und anderen Tieren geworfen wurden. Wenn diese Opfergaben vollständig verbrannt waren, wurde ein Krug voll Wasser über das Feuer geleert, was bedeuten sollte, dass Chaac dieses gelöscht hatte.

K'ank'in
"Uniw" = gelbe Sonne. Für diesen Monat ist keine Festivität bekannt. Nach J. Eric Thompson soll dieser Monat K’ank’in eventuell mit den Hunden oder hundartigen Tieren assoziiert worden sein.

Muwan
"Muwan" = Muan, die tropische Schleiereule. In diesem Monat dankten die Besitzer von Kakao-Plantagen den Göttern für ihren Schutz der Bäume. Hunde und blaue Iguanas (eine Reptilienart) wurden im Kakao-Hain geopfert und jedem Höhergestellten wurde ein Ast des Kakao-Baumes geschenkt.

Pax
"Paxil" = das Dämmern der Trommel des Jahres. (Trommel; Pflanzzeit.) Während des ganzen Monats wurden Zeremonien zu Ehren der Krieger abgehalten. Die Gemeindemitglieder eskortierten den obersten Kriegsherrn zu einem Tempel und man feierte mit viel Essen und Trinken. Hunde wurden als Opfergaben dargebracht und man betete für den Sieg in zukünftigen Kriegen.

K'ayab'
"K'anasiy" = gelbe Schildkröte. (Schildkröte; Gesang.) Für diesen Monat sind keine Angaben verzeichnet. Anhand der Glyphe stand der Monat aber im Zusammenhang mit der jungen Mondgöttin und eventuell wurden Zeremonien zu Ehren von Geburten und Hebammen abgehalten.

Kumk'u
"Hul Ol" = das Spektakel der Götter. (Reifer Mais; Ofen; Schwarzer Gott.) Für diesen Monat sind keine Feste verzeichnet, aber seinem Namen nach werden wohl Zeremonien für eine gute Ernte abgehalten worden sein.

Wayeb'

"Uway Hab" = der Schlaf des Haab. (Geist; Chaos-Wesenheit; Unglücks- oder namenlose Tage.) Die letzten 5 Tage des Jahres, der Monat Wayeb, galten als eine Zeit, die schwer einschätzbar und eher gefährlich für die Menschen war. Die Götter zogen sich zur Ruhe zurück, und die Menschen konnten nicht mit ihrer Unterstützung rechnen. Gleichzeitig waren die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Unterwelt weit offen, so dass krankmachende und unglückverheissende Geister ungehindert in das Leben der Menschen hätten eingreifen können. Die Maya kannten aber Rituale, mittels denen sie sich in diesen heiklen Tagen vor dem Angriff solcher Geister schützen konnten. Auch gab es gewisse Regeln, welche Aktivitäten man ausführen oder unterlassen sollte, so reiste man nicht, blieb möglichst im Haus, fastete, hielt eine Abstinenz ein, badete nicht und soll sich auch die Haare nicht gewaschen oder gekämmt haben. – Andere Zeremonien wurden durchgeführt, um sich auf die Rückkehr der Götter vorzubereiten. -

In der heutigen Zeit verwenden die Maya im Hochland von Guatemala diese Tage viel eher damit, sich in sich zurückzuziehen und zu meditieren, aber der unheilvolle Aspekt des Wayeb scheint nicht mehr so empfunden zu werden. In der Sprache der Quiché-Maya bedeutet wayeb die "Zeit des Wartens".

     

moderne Darstellung des Haab-Zyklus

 

Zum Thema Mam / Jahresträger→ Die Kalenderrunde und der Jahresträger

 

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* Blutlass-Zeremonien: Die Maya kannten ein rituelles Blut-Lassen. Sie durchbohrten dafür mit einer spitzen Klinge oder einem Stachel einen Weichteil, vor allem Zunge oder Penis, und liessen das Blut auf ein Papier tropfen. Das Papier wurde verbrannt, so dass das Blut, verwandelt in Rauch, als Opfergabe zu den Göttern aufsteigen konnte.

** Milpa: Maisfeld

Als Hauptquelle über die Aktivitäten in den einzelnen Monaten diente mir ein Text von Dr. Ed Barnhart vom "Maya Exploration Center", www.mayaexploration.org

Glyphen-Zeichnungen von Mark Pitts: Maya Numbers & The Maya Calendar. A Non-Technical Introduction to Maya Glyphs, Book 2, 2009

 

Die Maya-Kalender

Cholq'ij / Tzolk'in

Kalenderrunde und Jahresträger

Choltún / Long Count

Katun-Rad / Short Count

 

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