Der Grosse Uayeb

von Kenneth Johnson

 

Das System, das als der Grosse Uayeb bekannt ist, gewinnt sehr viel an Interesse, sowohl in Guatemala als auch im Ausland, aber es verursacht auch eine Menge Verwirrung.

Zuerst wollen wir damit beginnen, dies in einfachsten Begriffen zu erklären. Nehmen wir einmal an, wir beginnen 1961 eine Kalenderrunde von 52 Jahren mit 1 Kej (Manik). Nachdem Kej, Ee (Eb), No’j (Caban) und Iq’ (Ik) alle jede der 13 Zahlen „getragen“ haben, werden 52 Jahre vergangen sein, und wir werden 13 No’j erreicht haben.

Gewöhnlich würde das nächste Jahr 1 Iq’ heissen und würde, nach einem Uayeb von 5 Tagen, am 21. Februar 2013 beginnen – nach den 5 „toten Tagen“ des Jahres, an welchen die Azteken in alter Zeit alle Feuer löschten und ihre Zeit mit Fasten und Beten verbrachten.

Das System des Grossen Uayeb schlägt vor / beabsichtigt, dass alle 52 Jahre, das heisst, am Ende jeder Kalenderrunde, eine längere Uayeb-Periode von 13 Tagen (daher der Ausdruck Grosser Uayeb) angehängt werden sollte. Dies würde zu einem solaren Neujahrstag am 6. März 2013 führen, am Tag 1 Tz’ikin (Men).

Damit sind wir wieder bei einem „1“-Jahr angelangt, das auf ein „13“-Jahr folgt, aber – und das ist der entscheidende Punkt – wir haben jetzt eine andere Gruppe von Jahresträgern (Year Lords): Tz’ikin (Men), Ajpu (Ahau), Kaan (Chicchan) und Tz’i (Oc).

Jetzt gehen wir in den nächsten 52 Jahren mit dieser neuen Gruppe von Jahresträgern weiter und behalten dabei jeweils einen typischen Uayeb von 5 Tagen bei.

Nach diesen 52 Jahren, wenn jeder dieser Jahresträger (auf Spanisch als cargadores bezeichnet) jede Zahl einmal „getragen“ haben wird, fügen wir wieder einen Grossen Uayeb hinzu und gelangen so 2065 zu einem neuen Set von Jahresträgern, das aus Q’anil (Lamat), Aj (Ben), Tijax (Etznab) und Aq’ab’al (Akbal) bestehen wird.

Dies sind also die Grundlagen des Systems. Es wird noch ein wenig komplizierter als das. Nach 260 Jahren wird auch die Himmelsrichtung (Osten, Westen, Norden oder Süden), die am Anfang der Serien der Jahresträger steht, einem Wechsel unterzogen werden. Aber dies würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Einige Autoren haben versucht, den Anschein zu erwecken, dass dies ein altes System sei. Das kann nicht stimmen. Wenn man es zeitlich rückwärtsgehend anwendet, sieht man, dass es in alten Zeiten nicht in Gebrauch war. Um nur ein Beispiel zu nennen: die Chilam Balam-Bücher, die über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren erstellt wurden, verwenden immer die gleichen Jahresträger (Kan, Muluc, Ix und Cauac). Maya Älteste, die vor mehr als 52 Jahren geboren worden waren, gaben mir ihr Geburtsjahr immer in Übereinstimmung mit dem üblichen System an (Kej, E, No’j oder Iq’). Es gab da von ihrer Seite her nie die geringste Spekulation darüber, dass sie eigentlich während eines völlig anderen Systems von Jahresträgern geboren worden sind.

Auch ist es so, dass, wenn man den Grossen Uayeb zeitlich zurückprojiziert, sich das Jahr 1519 nicht als ein 1 Acatl-Jahr erweist, als das es bei der Zählung der Azteken galt, als Cortez in Mexiko landete, und was der Grund ist, warum König Mocetzuma dachte, er könnte die wiederkehrende Gefiederte Schlange sein.

(Im Übrigen waren die meisten Azteken nicht so dumm. Sobald die Prostituierten von den Schiffen zurückkamen, erzählten sie allen: „Wir sind absolut sicher, dass diese Typen keine Götter sind!“ Die meisten glaubten ihnen. Moctezuma scheint an einer Art bipolaren Persönlichkeitsstörung gelitten zu haben und hatte krankhafte Ängste bei religiösen Angelegenheiten. Aber auf jeden Fall zählten die Azteken das Jahr 1519 als 1 Acatl, was es nicht gewesen wäre, wenn man den Grossen Uayeb anwenden würde.)

Das System des Grossen Uayeb wird wohl nicht alt sein, aber es ist ein sehr elegantes und brauchbares System, mit absoluter Sicherheit Maya, und sollte als Teil der intellektuellen Kreativität dessen betrachtet werden, was jetzt zusehends als eine „kulturelle Renaissance der Maya“ zu Tage tritt. Die früheste publizierte Ausgabe des Systems des Grossen Uayeb, die ich gesehen habe, erschien 2003 in einem Heftchen mit dem Titel „Concepción Maya del Tiempo y sus Ciclos“, herausgegeben in Guatemala vom Consejo Maya „Jun Ajpu’ Ixb’alamke“. Die Autoren werden aufgeführt als Virginia Ajxup Pelicó, Pedro Eligio Axjup Poroj und Juan Zapil Xivir [bei der 2. Auflage 2008 kam noch Macario Santizo López hinzu]. Man beachte, dass die meisten dieser Namen ethnisch Maya sind.

Aber wahrscheinlich ist dies nicht der Ursprung dieses Systems. Meine langjährigen Freunde von Momostenango berichten mir, dass man über die Ideen, die dem Grossen Uayeb innewohnen, schon vor mehr als zehn Jahren diskutierte.

Was ist nun die Schlussfolgerung? Der bekannte Autor der Maya-Astrologie, Carlos Barrios, und verschiedene andere haben das System des Grossen Uayeb enthusiastisch übernommen; bei ihnen tönt es so, als ob das neue System bei den Maya bereits fest etabliert sei. Dies ist aber nicht der Fall. Andere Leute quer durch Guatemala behalten die alte Zählweise immer noch bei. Die Leute vom ultra-traditionellen Dorf Momostenango feierten die Ankunft von 1 Iq’ am 21. Februar auf traditionelle Art.

Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich nicht sagen, wie viele Maya die Idee des Grossen Uayeb annehmen werden. Dies ist etwas, was sie für sich selber ausarbeiten müssen, und möglichst, ohne dass sie dazu die „Hilfe“ von uns Fremden benötigten.

Ich hoffe, dass dies einiges an Verwirrung erhellt.

Ist dieses System alt? Nein.

Ist es authentisch Maya? Ja.

Wurde es von den Maya allgemein übernommen? Nein.

Ist es bei ihnen ein Gegenstand lebhafter Diskussion und Debatte? Ja.

Im Übrigen hat der Grosse Uayeb keinen Einfluss auf oder spezielle Bedeutung für den tzolk’in, den rituellen Kalender der heiligen Zeit. Er hat nur eine Bedeutung für den haab (Quiché-Maya ’ab), das Mass-System der gewöhnlichen oder profanen Zeit. Es hat jedoch einen Einfluss auf die „persönliche Astrologie“ oder auf die „Maya-Horoskope“, weil es klar den Jahresträger der Geburt einer Person auswechseln kann.

Aber wir werden einfach warten müssen und sehen, zu welcher Übereinkunft die Maya untereinander kommen werden.

 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Kenneth Johnson

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www.jaguarwisdom.org

 

Übersetzung von Susi Lötscher

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